Ein Sommerlied. So wird der schöne Choral „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (ELKG² 740) meist genannt. Und damit ordnet man diese Dichtung von Paul Gerhardt auch gern dem kalendarischen Sommer zu. Es ist vom grünen Kleid der Erde die Rede, von blühenden Blumen, von singenden Vögeln, von der Glucke und ihrem „Völklein“, von Hirsch und Reh, von rauschenden Bächlein, von Hirten und Schafen, von unverdrossenen Bienen, vom Saft der Reben und vom wachsenden Weizen. Da kann der Sänger nicht still sein. Er muss mitsingen im Lob Gottes. Es ist wie ein sehr anschaulicher Spaziergang durch die Wunder der Natur. So weit, so gut.
Aber – und damit passt dieses „Sommerlied“ unbedingt auch in die Herbstzeit und zum Ende des Kirchenjahres – die schöne Beschreibung des irdischen Sommers ist für Paul Gerhardt mehr als eine Momentaufnahme. Sie ist zugleich ein Vor-Bild für einen Sommer ganz anderer Art, nämlich für den Sommer der Gnade Gottes und für den Sommer der Ewigkeit. Die schönen Gärten dieses Lebens sind für ihn zugleich Abbild und Vorgeschmack für den Garten Christi: „Welch hohe Lust, welch heller Schein wird wohl in Christi Garten sein! Wie muss es da wohl klingen, da so viel tausend Seraphim mit unverdrossnem Mund und Stimm ihr Halleluja singen.“ Darum gibt es die große Sehnsucht: „O wär ich da! O stünd’ ich schon, ach süßer Gott, vor deinem Thron …“ Der Christ, er sehnt sich danach, im Garten Christi „Wurzel zu treiben“ – nicht nur in den Schönheiten des irdischen Sommers, sondern genauso in trüber Herbstzeit und in der sich dem Ende zuneigenden Lebenszeit. Wunderbar, wie es Paul Gerhardt im Choral gelingt, beides miteinander zu verquicken.
Das Sommerlied mündet ein in sein und unser Gebet: „Erwähle mich zum Paradeis und lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen, so will ich dir und deiner Ehr allein und sonsten keinem mehr hier und dort ewig dienen.“ Amen.
Noch ein zweites „Sommerlied“ gibt es im Gesangbuch – Nr. 799: „Herzlich tut mich erfreuen die liebe Sommerzeit“. Anders als bei Paul Gerhardt ist hier bei Johann Walter von der ersten Strophe an von der Ewigkeit die Rede. In den schönsten Farben wird sie vor Augen geführt – hier allerdings im Gegenüber zu allen dunklen Seiten der Gegenwart: Teufel, allem Bösen, Trübsal, Angst und Spott, Trauern, Weh und Klagen, Krankheit, Schmerz und Leid und alle böse Zeit. Dieses Lied stellt uns mit der Vorfreude auf die Ewigkeit mitten hinein in eine Gegenwart, wie wir sie eben auch erleben zwischen Kriegen und Verfolgungen, Terror und Gewalt, Erdbeben und Waldbrände, Irrungen und Wirrungen in Politik und Gesellschaft. Oft fällt es schwer, vor der gegenwärtigen weltpolitischen Lage die Augen nicht zu verschließen. Manchmal lässt sich’s kaum aushalten. Und dabei sind wir von vielem gar nicht unmittelbar betroffen.
Zum Ende des Kirchenjahres, auf das wir jetzt zugehen, öffnet sich mehr und mehr der Horizont über diese Zeit hinaus. Jetzt kommt die Sommerzeit der Ewigkeit in den Blick. Es ist große Gnade unseres Gottes, dass wir uns mitten in „böser“ Zeit sonntags in unseren Kirchen in der Burgstraße und im Wandsbeker Stieg versammeln dürfen. Wir stehen auf der Schwelle zur Ewigkeit bei unserem Heiland Jesus Christus. Und wir feiern in seinem Namen die „schönen Gottesdienste des Herrn“.
Es grüßt Euch herzlich
Euer
Pastor Andreas Rehr



